*Sarah* Interquale

“12:05 Uhr am Front Desk?”, fragt Paul mich im Chat. Es ist 11:55 Uhr, ich bin gerade eben aus einem Meeting gekommen und habe noch ein paar Sachen zu regeln, bevor ich loslaufen kann. “Das schaffe ich nicht”, antworte ich während mir der Magen knurrt. Wir verhandeln eine neue Startzeit. Um 12.15 Uhr soll es losgehen.

Paul ist mein Kollege und ab und an gehen wir zusammen in Volkspark um die Ecke laufen. Auf meinem Trainingsplan stehen heute 6 x 60 Sekunden Intervalle, die in einer Geschwindigkeit von 5.00-5:30 min pro Kilometer gelaufen werden sollen. Ich möchte sie gerne bei 4:45 min/km laufen und Paul handelt mich runter auf 4:30 min/km.
Vor Intervallläufen habe ich immer Respekt. Vorher bin ich manchmal sogar etwas aufgeregt, hinterher meist saumäßig stolz. Aber während ich die Intervalle laufe, frage ich mich doch oft, warum ich das eigentlich mache. Der Klassiker unter den Sportfragen an mich selbst.

Paul und ich laufen die Straße herunter, um eine Ecke und sind schon fast im Park. Ein paar Minuten in Wohlfühlgeschwindigkeit habe ich noch, bevor das Leiden losgeht. Ich bin erst letzten Samstag einen 5 Kilometer Wettkampf gelaufen, bei dem ich langsamer war, als ich es mir wünschen würde. Während wir einen Hügel zum angestrebten Rundkurs hoch laufen, frage ich mich heimlich, ob ein 4:30er Schnitt überhaupt drin ist, wenn auch nur für eine Minute. Bevor ich mich dieser Frage jedoch vollends widmen kann, geht es auch schon los. Ich drücke die Rundentaste auf meiner Garminuhr und wir geben Gas. Eine Minute Power. Der erste Intervall geht gut, meine Uhr sagt sogar, dass wir etwas schneller als angestrebt waren. Jetzt darf ich mich 5 Minuten lang im Wohlfühltempo entspannen. Wir laufen locker und unterhalten uns über den Büroalltag. Paul macht nebenbei sogar ein paar Lauf ABC Übungen – er ist vor kurzem erst den Berliner Halbmarathon gelaufen und zwar in einer Geschwindigkeit, die fast meinen Intervallen entspricht.
Dann geht es auch schon wieder los, wir ziehen das Tempo an. Die 60 Sekunden gehen erstaunlilch gut vorbei, die erste Minute nach dem Intervall ist dafür aber umso schlimmer! Ich schnaufe und huste und bin garantiert auch schon wieder knallrot. Es dauert selbst bei langsamem Traben einige Zeit, bis sich mein Herzschlag wieder beruhigt und ich auch mal wieder etwas zur Unterhaltung beitragen kann. Wir laufen noch einen Intervall gemeinsam, dann verabschiedet sich Paul schon mal wieder Richtung Büro.

Ich habe noch drei Intervalle vor mir und bemerke mit Schrecken: Ich habe weder mein Handy, noch Kopfhörer dabei. Intervalle laufe ich normalerweise immer immer immer mit Musik oder Hörbuch auf den Ohren. Ich will nicht hören, wie meine Atmung immer schneller und lauter wird, ein regelrechtes Hecheln, und will auch nicht hören, wie meine Füße auf den Asphalt platschen, ahhhh!
Da aufgeben aber auch so gar keine Option ist, beschließe ich, mich nicht so albern anzustellen. „Jetzt lauf doch einfach”, denke ich. Und genau das mache ich auch. Und siehe da: Erstaunlicherweise fühlt sich das gut an! Ja, die Intervalle sind anstrengend und jaaaaaa, ich atme wirklich laut. Aber ich höre auch, wie die Vögel trotz des trüben Wetters zwitschern, und ich höre, wie sich die anderen Läufer im Park schlagen (Platschen, Hecheln, Husten, Fluchen, Lachen – alles dabei!). “Genau deshalb laufe ich”, denke ich mir. Ich laufe meinen letzten Intervall, meine Füße fliegen über den Asphalt, meine Beine schwingen flott vor und zurück und ich fühle mich endich wieder schnell…. und das ist soooo schöööön.

Als ich langsam wieder Richtung Büro trabe, bahnt sich schleichend eine Migräne an. Vielleicht habe ich es mit der Geschwindigkeit doch etwas übertrieben. Vielleicht hätte ich heute Vormittag noch mehr essen sollen. Vielleicht hätte ich es ruhiger angehen sollen. So oder so – ich würde es wieder genau so machen, auch wenn das unvernünftig ist. Das Gefühl, über die Strecke zu fliegen, ist einfach zu schön.


Habt ihr euch im Training auch schon manchmal etwas übernommen? Und bekommt ihr dann, wie ich, manchmal Migräne, Kopfweh oder sonstiges? Wie zügelt ihr euch in solchen Fällen?

 

3 Gedanken zu “*Sarah* Interquale

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s