Rückblick: Sarahs 1. Olympische Distanz

Wie Schuppen ist es mit beim Lesen von Danis erstem Post dieses Jahres von den Augen gefallen: Ich habe gar keinen Rückblick auf meine erste Olympische Distanz am Helenesee geschrieben! Hier kommt er aber, wenn auch etwas verspätet.

Ich war mit Sack und Pack bereits am Vortrag zum wunderschönen Helenesee bei Frankfurt/Oder gereist und konnte die Nacht bei meinem Cousin mitsamt Familie im Wohnwagen verbringen – natürlich wurde der Samstagabend etwas länger und feuchtfröhlicher als erwartet. Ich war der quirligen Gruppe aber wirklich dankbar für die Ablenkung. Hätte ich alleine um zehn im Bett gelegen, wären meine Nerven garantiert mit mir durchgegangen!

Nach 5 Stunden Schlaf gab es also 2 Brötchen und auf ging es Richtung See – und zwar zur Nacktbadestelle! Ich habe nicht schlecht geguckt, als mir gesagt wurde, man habe den Veranstaltungsort etwas verlegen müssen, da die Asphaltstrecke entlang der Hauptpromenade in zu schlechten Zustand für Rennräder sei. Auf dem Weg zum Veranstaltungsort fuhr ich also ganz langsam mit Dave über Wurzeln und an Schlaglöchern vorbei. Irgendwann endete der Weg und ich musste Dave über eine recht lange Zuckersandstrecke tragen – in der verzweifelten Hoffnung, dass dies später nicht die Laufstrecke sein würde.

Einmal angekommen, verabschiedete ich mich von meinem Cousin und seinem kleinen Sohn, holte meine Startnummer ab und machte mich daran, meine Wechselzone einzurichten. Dort konnte ich meinen Augen kaum trauen – um Dave herum standen fast nur Zeitfahrräder! Das musste ich Dani sofort schreiben… ein kleiner Triathlon mitten im Nirgendwo und um mich rum nur unfassbare Rennmaschinen. Und übrigens keine bekannten Gesichter. Na gut. Mein Motto war ja schließlich „wird schon“.

Als ich meinen kleinen Wechselzonenbereich eingerichtet hatte, war es schon fast Zeit für den Start. Ich sah mich also um. Wo müssen wir denn lang schwimmen? Wo sind die Bojen? Was ist eigentlich mit der Wettkampfbesprechung? Wo muss ich nachher mit Dave auf die Radstrecke? Und wo laufen wir nun? Um mich herum wuselten Athleten, machten sich warm, trugen aerodynamische Fahrradhelme. Okay gut. Ich versuchte inständig, mich zu beruhigen. Blickte auf den See hinaus. Sah keine Bojen. Ich war mir außerdem sicher, dass der See die Ausmaße eines Binnenmeeres angenommen hatte. Niemals konnte ich bis ans andere Ende kraulen, da war ich mir sicher.

Während ich noch sorgenvoll auf den See hinausblickte, ertönte eine laute Stimme, die alle Athleten zur Wettkampfbesprechung HINUNTER (dazu später mehr) an den Start bat. Ahaaaaaa, da kommt also die Wettkampfbesprechung.

Als wir uns besprachen, wurden die großen gelben Bojen, die im Wasser zur Orientierung sorgen, auf den See hinaus gebracht. Immerhin wusste ich nun, wie wir schwimmen würden.

Anschließend konnten wir uns ungefähr eine Minute lang einschwimmen, übrigens ohne Neo, denn es war bereits morgens unfassbar warm. Nach dem Einschwimmen sammelten sich alle Athleten am Strand. Um uns rum tummelten sich bereits ein paar Nackte, schließlich starteten wir ja am FKK Strand.

Mein Herz schlug wie verrückt. Tränen standen mir in den Augen. Meine Nerven spielten völlig verrückt. Hatte das Training gereicht, um die ungewöhnlich lange Schwimmstrecke zu überwinden? Das machte mir am meisten Angst. Schließlich hatte ich gerade 8 Monate zuvor, angefangen, kraulen zu lernen. Das Freiwasserschwimmen fiel mir immer noch unglaublich schwer.

Ich versuchte, mich zu beruhigen. Stellte mich in die letzte Reihe. Gemeinsam begannen alle Athleten von 10 runter zu zählen…

3… 2…1… LOS!

Vor mir stürzten sich fast alle Teilnehmer sprintend ins Wasser. Ich ließ sie laufen. Ging langsam ins Wasser und kraulte los. Ruhig, ganz ruhig. Nach ein paar Metern machte ich ein paar Brustzüge, um zu schauen, ob ich noch in die richtige Richtung schwamm. Ich stellte fest, dass ich a) etwas zu weit nach rechts schwamm und b) dass ein paar Meter neben mir ein Athlet zu hyperventilieren schien. Ich versuchte, ihn anzusprechen, und nach ein paar Versuchen reagierte er – er schien völlig neben sich zu stehen. Ich überredete ihn, nach dem DLRG Boot zu winken, was er letztendlich auch tat. Als ich sicher war, dass die Rettungsschwimmer auf dem Boot ihn gesehen hatten, schwamm ich weiter. Augenscheinlich war ich nicht die Einzige, der die erste Triathlondisziplin Probleme bereitete.

Erstaunlicherweise gibt es zum Schwimmen sonst aber wenig zu sagen. Ich schwamm eine Mischung aus Brust und Kraul, weil ich immer noch nicht richtig sichten kann. Irgendwann konnte ich mich an einen brustschwimmenden Athleten heranhängen und langsam hinter ihm herkraulen – er wusste ja schließlich, wo es lang ging. Der Helenesee ist übrigens wunderbar klar. Ich habe mich beim Freiwasserschwimmen noch nie so wohl gefühlt wie dort.

Wenn ich mich recht erinnere, ging ich als dritt- oder vorletzte aus dem Wasser. Das war mir aber völlig egal, ich war unfassbar stolz, die 1,8 km hinter mich gebracht zu haben. Dass ich mich dabei sogar richtig gut und glücklich fühlen würde, hätte ich vorher nicht zu träumen gewagt und dafür nehme ich gerne eine langsame Zeit in Kauf.

Durch eine abgesperrte Passage ging es vom Ufer über den Strand und die Anhöhe hinauf zur – natürlich leeren – Wechselzone.

Ich versuchte, den Strandsand abzuspülen, schlüpfte barfuß in die Radschuhe, zog die Startnummer an, setzte den Helm auf und stürzte mich auf die Radstrecke. Es waren 2 Runden plus An- und Abfahrt zum Rundkurs zu absolvieren. Die Strecke war nicht für Autos gesperrt, aber es herrschte wenig Verkehr. Trotz der zuweilen sehr unebenen Straße hat das Fahren mit Dave richtig Spaß gemacht. Als ich meine erste Runde fast beendet hatte, kam allerdings der Schock: Am Straßenrand stand ein parkendes Auto mit kaputter Heckscheibe – und dahinter lag eine Athletin. Eine andere Athletin war immerhin schon bei ihr, die Rennräder lagen am Straßenrand. Ich hielt an und fragte, ob ich bei Anwohnern klingeln und einen Krankenwagen rufen sollte. Im Wettkampf hat schließlich niemand ein Handy dabei. Allerdings war ein Rettungswagen schon gerufen, ich sollte weiterfahren. Die Unfallstelle musste ich auf meiner 2. Runde noch zwei Mal passieren – beim ersten Mal sperrten Rettungswagen und Polizei die Straße. Allerdings konnten wir unversehrten Athleten unsere Räder über den Bürgersteig schieben und dann wieder aufsteigen. Als ich die Unfallstelle ein letztes Mal passieren musste, hatte sich der ganze Tumult aufgelöst und nur das Auto stand noch verlassen da. Glücklicherweise ist die verunfallte Athletin mit einem gebrochenen Schlüsselbein davon gekommen, puh!

Auf den letzten Kilometern zurück in die Wechselzone schlief liebenswürdigerweise mein ganzes rechtes Bein ein. Naja, wer braucht schon Beine zum Laufen?
Ich schob Dave also in die nun wieder volle Wechselzone und versuchte, mir Socken und Laufschuhe anzuziehen. Das ist gar nicht so einfach, wenn ein ganzes Bein taub ist. Rückblickend war es allerdings eine gute Entscheidung, die Socken nicht wegzulassen – in der ZUCKERSANDHÖLLE, die nun folgen sollte, hätte ich mir bestimmt unzählige Blasen gelaufen.

Die letzten 10 Kilometer waren laufend in drei Runden zu überwinden. Bei 30 Grad war es mir eine wahre Freude, mich durch den knöcheltiefen Zuckersand zu wühlen, der etwa 50% Prozent der Strecke bedeckte. Hallluja! Ja, genau über diesen Untergrund hatte ich Dave heute Morgen tragen müssen. Und damit nicht genug: Als besonderes Highlight musste man am Ende jeder Laufrunde erst hinunter zum Strand laufen und dann eine ziemlich fiese, steile, sandige Steigung wieder hinauf. Drei Mal. Bei dreißig Grad. Meine Güte. Man kann sich nicht vorstellen, wie dankbar ich über die Verpflegungsstation direkt hinter diesem Anstieg war.

Was gibt es also noch zur Laufstrecke zu sagen? Ich war unheimlich langsam. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich jemals in einem Laufwettkampf über 10 km so lange gebraucht hab. Als ich auf meine letzte Runde ging, hätte sich der Kommentator fast verschluckt, weil er nicht damit gerechnet hatte, dass noch jemand so viel Strecke vor sich hatte. Aber trotz der enormen Hitze und Anstrengung musste ich die ganze Zeit lächeln.

Irgendwann hatte aber auch das Laufen ein Ende. Ein letztes Mal erklomm ich den Anstieg und war endlich im Ziel. Ich hätte vor Glück weinen können! Zu Anfang des Jahres hatte ich nicht einen Zug kraulen können. Hatte kein Rennrad. Hätte mir einen Triathlon eigentlich nicht so richtig zugetraut. Und nun hatte ich es hinter mir. Noch heute bin ich unendlich stolz, das geschafft zu haben. Dass ich als Drittletzte ins Ziel gekommen bin, stört mich dabei überhaupt nicht. Schnellere Zeiten können kommen oder auch nicht – wenn ich weiterhin beim Triathlon so glücklich sein kann, dann habe ich meinen Sport gefunden.

2015-08-23 10.12.25

Ein wundervoller Ausblick

Und hier kommt zu guter Letzt noch die Ergebnisübersicht:

Schwimmen 1,8 km – 00:43:40 h

T1 + Radfahren 40 km + T2 – 01:20:23 h

Laufen 10 km – 01:03:39 h

Gesamt: 03:07:43

 

 

 

 

Ein Gedanke zu “Rückblick: Sarahs 1. Olympische Distanz

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